An einem sonnigen Nachmittag in Cumberland, Rhode Island, sitzt ein winziger, dunkler Käfer ganz still auf der rauen Rinde einer Eiche. Er fliegt nicht in der Abenddämmerung über eine Wiese. Er blinkt auch nicht mit einem hellen gelben Licht. Und trotzdem ist dieses kleine Insekt ein echtes Glühwürmchen. Sein Name: das Winter-Glühwürmchen.
Die meisten Menschen denken, Glühwürmchen gibt es nur in heißen Sommernächten. Wir stellen uns vor, wie sie wie schwebende Funken über Wiesen tanzen. Doch von den über zweitausend Glühwürmchen-Arten auf der Erde halten sich nicht alle an diese Regel! Manche Glühwürmchen sind nämlich tagsüber aktiv. Das Winter-Glühwürmchen ist eines der häufigsten Tag-Glühwürmchen in Nordamerika.
In der letzten Woche haben Mitglieder der Alitaptap-Gemeinschaft an verschiedenen Orten Winter-Glühwürmchen entdeckt. Sichtungen gab es in Rhode Island, entlang des Vista Drive in Mars Hill, North Carolina, und nahe Burnsville, North Carolina. Diese Funde zeigen: Die erwachsenen Winter-Glühwürmchen tauchen jetzt im Spätsommer und Herbst schon an den Baumstämmen auf!
Ein Glühwürmchen, das nachts nicht leuchtet
Wenn du nachts nach draußen gehst und hoffst, ein Winter-Glühwürmchen blinken zu sehen, wirst du lange warten müssen. Denn erwachsene Winter-Glühwürmchen leuchten gar nicht!
Sie haben auf ihrem Bauch keine funktionierenden Leuchtorgane wie ihre Sommer-Verwandten. Leuchten kostet nämlich eine Menge Energie. Und es funktioniert am besten im Dunkeln. Weil Winter-Glühwürmchen aber am Tag unterwegs sind, könnte ein kleines Licht im hellen Sonnenschein kaum ein anderer Käfer sehen.
Statt zu blinken, verständigen sich erwachsene Winter-Glühwürmchen über Gerüche. Sie sondern besondere Duftstoffe ab, die man Pheromone nennt. Du kannst dir ein Pheromon wie eine kleine Duftbotschaft vorstellen, die der Wind weiterträgt. Mit ihren langen, feinen Fühlern schnuppern die Käfer nach diesen Botschaften in der Luft. Wenn ein Männchen und ein Weibchen die richtige Duftspur riechen, finden sie sich auf der Baumrinde ganz ohne einen einzigen Lichtblitz.
Bei ihren Babys sieht das allerdings ganz anders aus! Die Larven der Winter-Glühwürmchen schlüpfen aus winzigen Eiern in morschem Holz. Und diese jungen Larven machen tatsächlich Licht: Sie glimmen schwach am feuchten Waldboden. Fachleute nennen dieses kalte Leuchten Biolumineszenz. Das Glimmen warnt hungrige Tiere wie Mäuse und Vögel: Achtung, diese Larve schmeckt scheußlich und ist voller bitterer Stoffe!
Wie man ein Winter-Glühwürmchen entdeckt
Weil sie nicht leuchten, brauchst du scharfe Augen und etwas Geduld, um ein Winter-Glühwürmchen zu finden. Darauf solltest du achten, wenn du an einem Baum vorbeispazierst:
Schau zuerst auf Größe und Form. Ein Winter-Glühwürmchen ist etwas über einen Zentimeter lang – ungefähr so lang wie eine Heftklammer. Sein Körper ist flach und länglich mit weichen, lederartigen Flügeldecken.
Achte zweitens auf die Farben. Der Körper und die Flügeldecken sind dunkelbraun bis schwarz oder anthrazitgrau. Doch direkt hinter dem Kopf sitzt ein flaches Schildchen, das Halsschild genannt wird. Auf diesem Schild siehst du zwei bunte Flecken: rosa-rote Streifen, die von einem schmalen gelben Rand umrahmt sind. Es sieht fast so aus, als trüge der Käfer ein dunkles Jäckchen mit knalligen Schulterpolstern!
Drittens: Achte darauf, wie sie sitzen. Winter-Glühwürmchen lieben senkrechte Baumstämme. Meistens sitzen sie mit dem Kopf nach oben oder unten in tiefen Rindenrissen. Wenn du dich vorsichtig näherst, bleiben sie oft mucksmäuschenstill sitzen und vertrauen darauf, dass man sie auf der dunklen Rinde kaum sieht.
Was die Alitaptap-Karte im August zeigt
Warum entdecken Naturbeobachterinnen und Naturbeobachter aus der Community gerade jetzt im Spätsommer so viele Winter-Glühwürmchen?
Mitten im Sommer schlüpfen die neuen erwachsenen Winter-Glühwürmchen aus ihren Puppen im feuchten, morschen Totholz. Sobald ihr Panzer fest geworden ist, klettern sie an nahegelegenen Baumstämmen hoch. Im August und September tanken sie dort die warme Sonne. Sie wandern an den Stämmen auf und ab, trinken Baumsäfte und naschen an zarten Pflanzenteilen.
Unsere neuesten Karteneinträge aus Rhode Island und den Bergen von North Carolina zeigen genau diese spätsommerliche Wanderung. Wenn der Sommer langsam zu Ende geht, sammeln sich die Käfer an großen Laubbäumen wie Eichen, Ahornen und Eschen.
Im Gegensatz zu den Sommer-Glühwürmchen, die nach ein paar kurzen Paarungswochen sterben, leben erwachsene Winter-Glühwürmchen viele Monate lang. Sie überstehen den ganzen Winter, indem sie tief in dicke Rindenspalten oder unter lose Holzstücke krabbeln. Wenn es friert, bildet ihr Körper ein natürliches Frostschutzmittel, das ihre Zellen vor Frostschäden schützt. An ungewöhnlich warmen Wintertagen kann man sie sogar langsam über die Rinde krabbeln sehen, während unten der Schnee liegt!
Was dieses Glühwürmchen über die Natur verrät
Wenn du ein Winter-Glühwürmchen bei Alitaptap meldest, trägst du nicht einfach nur einen Käfer ein. Du lieferst einen Beweis für einen gesunden Wald!
Winter-Glühwürmchen brauchen nämlich ganz bestimmte Dinge zum Überleben:
- Alte Bäume mit rauer Rinde: Junge Bäumchen mit glatter Rinde bieten nicht genug Schutz. Die Käfer brauchen ältere Bäume mit tiefen Spalten, um sich vor Feinden und eisigem Winterwind zu verstecken.
- Totes und morsches Holz: Die Larven der Winter-Glühwürmchen leben bis zu zwei Jahre lang in verrottenden Baumstämmen. Sie brauchen Holz, das das ganze Jahr über feucht und schwammig bleibt.
- Nacktschnecken und Gehäuseschnecken: Die Larven sind geschickte Jäger am Waldboden. Sie spüren winzige Schnecken und weiche Würmer auf und betäuben sie mit einem gezielten Biss, bevor sie sie fressen.
- Ungestörte Erde und Laub: Wenn der Boden kahl geharkt wird oder austrocknet, verschwindet die feuchte Schicht, in der ihre Beutetiere leben.
Wenn du in deinem Park oder Garten ein Winter-Glühwürmchen findest, zeigt das: Hier gibt es eine tolle Mischung aus alten Bäumen, Totholz und feuchtem Boden. Wenn ein Wald seine alten Bäume verliert oder alle umgefallenen Äste weggeräumt werden, verschwinden auch die Winter-Glühwürmchen ganz schnell.
So kannst du Winter-Glühwürmchen helfen
Du brauchst keine riesige Wildnis, um Winter-Glühwürmchen zu unterstützen. Du kannst direkt vor deiner Haustür kleine Dinge tun, um ihren Lebensraum zu schützen:
Lass etwas Totholz liegen. Wenn in einer ruhigen Ecke deines Gartens oder Schulhofs ein dicker Ast herunterfällt, lass ihn einfach liegen, damit er natürlich vergehen kann. Morsches Holz ist das perfekte Jagdrevier für Glühwürmchen-Larven.
Lass das Herbstlaub liegen. Wenn du jedes einzelne Blatt wegharkst, nimmst du dem Boden seine wärmende Decke. Eine Laubschicht unter Bäumen schützt die Larven und die Schnecken, die sie fressen.
Schütze die Baumrinde. Zupfe keine lose Rinde von lebenden Bäumen ab. Diese Rinde ist die Winterjacke, die erwachsene Glühwürmchen vor Frost und Schnee schützt.
Verzichte auf chemische Spritzmittel. Insektensprays unterscheiden nicht zwischen Schädlingen und nützlichen Tieren. Solche Gifte töten die Larven am Fuß der Bäume und zerstören ihre Nahrung.
Mach mit bei der Suche!
Wenn du das nächste Mal an einem sonnigen Nachmittag durch den Park oder deinen Garten gehst, schau dir die raue Rinde einer Eiche oder eines Ahorns ganz genau an. Such auf der Sonnenseite des Stammes etwa in Brusthöhe.
Entdeckst du einen flachen, dunklen Käfer mit roten und gelben Flecken am Halsschild? Dann mach ein scharfes Foto! Merk dir, an was für einem Baum er saß, und lade deine Beobachtung bei Alitaptap hoch. Jeder Fund hilft Forscherinnen und Forschern besser zu verstehen, wie diese zähen, leisen Käfer durch das ganze Jahr kommen.